Narren
Gott hat den Menschen laut der Bibel nach seinem Ebenbild erschaffen, im Mittelalter wurden Menschen die verkrüppelt waren „Narren“ genannt, da sie nicht dem Normbild der Gesellschaft entsprachen. Auch Menschen die geistig Zurückgeblieben waren zählten dazu.

Die Herkunft des deutschen Wortes „Narr“ ist nicht ganz geklärt. Im Mittelalter wurde eine Frucht ohne Kern, eine missratene Frucht auch „Narr“ genannt, also ein Körper ohne Geist und Seele, etwas Verkümmertes. Narren waren vor allem körperlich und geistig behinderte Menschen.

Da man nicht wusste wohin mit ihnen wurden sie in spezielle Narrenhäuser gesteckt. In Türme wo diese Menschen weggeschlossen wurden oder man jagte sie aus der Stadt. Wahrscheinlich gehörten viele zur Gruppe der Bettler, im Mittelalter ein gebräuchlicher Erwerbszweig.

Der Narr war also keineswegs eine Figur, die nur Späße machte, sondern eine negative Gestalt. Der Narr galt auch als „Gottesleugner“, dadurch stand er dem Teufel nahe, der für den Ursprung aller Narrheit stand.

In seiner Nähe zu Tod und Teufel stand der Narr später (14., 15.und 16. Jahrhundert) für „Vanitas“(lat. Vergänglichkeit).

So hatte der Narr etwas sehr Düsteres, da es viele Bilder gibt (Totentanz) auf denen der Tod als Narr dargestellt wird. Da dies doch häufig vorkommt, dürfen wir davon ausgehen, dass es sich hierbei um ein Topos handelt: So ist der Narr auch immer eine Metapher für die Vergänglichkeit alles Irdischen- er sollte also ein Leib ohne Seele sein.

Narr, der Tod, alter Brauch

Die ältesten Bilder von Narren die bekannt sind stammen allesamt aus einem religiösen Zusammenhang, aus Psalmhandschriften. Sie stehen hier immer am Anfang des 52. Psalms, der mit den Worten beginnt: „Dixit insipiens in corde suo: non est Deus- der Narr sprach in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott.“. Um diesen Text zu illustrieren, verzierten die klösterlichen Buchhalter das D- Initial von „Dixit“ seit dem 12. Jahrhundert regelmäßig mit einem Narren, der den weisen König David gegenübertritt. Will man heute die allmählich äußere Entwicklung der Narrenfigur studieren, so braucht man dazu nur die entsprechenden Initialminiaturen in verschiedenen Psalteryen vom 12. bis 16.Jahrhundert zu verfolgen.

Die Definition des Narren als Negativfigur und die vom Psalm 52 zugeordnete Aussage: Non est Deus- es gibt keinen Gott stilisierte ihn schließlich zum Inbegriff der Gottesferne, der Sündhaftigkeit, der Erbsünde schlechthin und wenn durch die Erbsünde der Tod in die Welt kam, so wurde die Narrenfigur zum Sinnbild irdischer Vergänglichkeit.

Psalm52 1

Hans Sebald Beham 1540

Bild 1

Oft wird der Tod als Narr dargestellt so z. B. bei Hans Sebald Beham, gibt es eine Radierung aus dem Jahr 1540, sie zeigt wie ein Narr einem Mädchen Blumen überreicht. Ein Jahr später brachte Beham dasselbe Motiv nochmals als Kupferstich heraus.

Die Drucke gleichen sich fast auf Haar, nur der Narr hat sich gewandelt: Statt dem Gesicht, starrt nun ein grinsender Totenschädel unter der Eselsohrenkappe hervor, und statt der Blumen bekommt das Mädchen jetzt ein Stundenglas in die Hand. (Bild 1,2)

 

Narr und Tod 2

Bild 2

Nach allem was wir bisher über die alte Narrenidee wissen, ist klar dass die Verwandlung des Narren in den Tod letztlich keine Veränderung sondern eine Entlarvung ist.
Die Gestalten Narr und Tod standen für „Vanitas“- Nichtigkeit und Hinfälligkeit der Welt.
Diese Entdeckung war sehr beunruhigend, sie warfen plötzlich ein ganz neues Licht auf den einstigen Sinn der Fastnacht, deren Hauptfigur der Narr ist seid dem 15. Jahrhundert.
Wer um die ideengeschichtliche Nachbarschaft der Figuren „Narr“ und „Tod“ weiß, ahnt schon das es einen tieferen Zusammenhang zwischen Fastnacht und Aschermittwoch gegeben haben muss. In der Katholischen Kirche wird an keinem anderen Tag des Jahres das „memento mori“, die Mahnung, an den Tod zu denken, so eindringlich ausgesprochen, wie eben am Aschermittwoch, dem der Auftritt der Narren an Fastnacht vorausgeht.

 

Quelle: Werner Mezger, Narren, Schellen und Marotten. Elf Beiträge zur Narrenidee, Remscheid 1984

 

Narr_102

Narrenattribute die auf den Tod hinweisen.

Spiegel: Der Spiegel ist eine Weiterentwicklung der Marotte. Während der Narr in seiner     

             Selbstverliebtheit zunächst noch mit seiner ihm ebenbildlicher Puppe = Marotte

             spielte, betrachtet er sich spätestens ab dem 15.Jahrhundert auch selbst im Spiegel.

             In Zusammenhang mit der Nähe des Narren zum Tod grinst ihm in manchen   

             Illustrationen statt seines eigenen Gesichts ein Totenkopf entgegen.

Blase: Oder gläserne Kugel der Vanitas, durch Stiche und Kupferstiche aus dem 16.Jahrh.

           kann man eindeutig lesen was in der Kugel bzw. Blase des Narren steht: Vanitas

           vanitatum et omnia vanitas (Alles ist nichtig und eitel) hier ist es wieder, der Narr der

           dem Tod sehr nahe steht. Die Vanitasblase hat noch in der heutigen Fastnacht

           Tradition, in Form der leeren Schweinsblase. Bezeichnend ist auch, dass aus der

           Lateinischen Bedeutung für „leerer Sack“ oder „Ballon“(follis) das französische

           fou(= verrückt) und das englische fool(= Narr) entstand.

Stundenglas: Das Stundenglas wird in mittelalterlichen Illustrationen häufig mit

                       dem Tod, meist in Gestalt eines Skeletts, dargestellt. Da aber der Narr durch die

                       Verbindung mit der Vanitas eine Beziehung zum Tod hat, erscheint er

                         gelegentlich mit einem Stundenglas in der Hand (memento mori). Dies erklärt

                       auch, warum die Figur des Todes nicht selten im typischen Narrengewand

                       mit Eselsohren und Gugel dargestellt wurde, so zum Beispiel in Totentänzen.

Quellen: Werner Mezger: Narrenidee und Fastnachtsbrauch. Studien zum Fortleben des Mittelalters in der europäischen Festkultur (=Konstanzer Bibliothek, hg.v. Peter Böger u.a., Bd. 15) Konstanz 1991

Literatur, Musik und Kunst

Narr 3

Besonders im ausgehenden Mittelalter hatte die „Narrenliteratur“ weite Verbreitung, das bekannteste Werk Sebastians Brants „Narrenschiff“(1494) oder „Lob der Torheit“(1509) von Erasmus von Rotterdam, sowie den „Schildbürgern“ und Till Eulenspiegel“(1515)

Narrenschiff

In einigen Dramen von William Shakespeares treten Narren auf, König Lear, hier werden sich Narr und König zu verwechseln ähnlich.

 

Der Maler „Diego Velaquez“ schuf Portraits der natürlichen und künstlichen Hofnarren z.B. die Hofzwerge, am spanischen Hof Philipps IV. von Spanien.

 

 In „Antonio Cestis“ Oper L’Argia nach Apollonio Apolloni (Innsbruck 1655) ist Lurcano Hofnarr am Hof des Atamantes, des Königs von Salamis

 

In „Edgar Allan Poes“ Kurzgeschichte „Hop-Frog“ tötet der gleichnamige Hofnarr den König und sieben Minister.

In „Oscar Wildes“ The Birthday of the Infanta zerbricht ein Hofnarr und ein Hofzwerg des spanischen Hofes am Konflikt zwischen seiner Selbstwahrnehmung als Künstler und der Außensicht als lächerliche Figur. Dieses Märchen wurde von Alexander von Zemlinsky als Oper „Der Zwerg“ vertont.

In „Terry Pratchetts“Fantasy- Roman aus der „Scheibenwelt“ stehen immer wieder Hofnarren im Mittelpunkt. König Verence II. von Lancre ist ein ehemaliger Hofnarr.

Auch in der „Popmusik“ taucht der Hofnarr immer wieder auf. So in Bob Dylans All along the watchtower (von Jimi Hendrix und U2 interpretiert), in the fool on the hill von den Beatles, in Don McLeans American Pie oder in Subway To Sallys Der Hofnarr.

 

Der Hofnarr

Hofnarren waren im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit in ganz Europa verbreitet ihre Erscheinung war weder an die Epoche noch an das christl. Abendland gebunden. Höfische Spaßmacher gab es vorher schon in Ägypten, in China, im vorderen Orient, sowie in Griechenland und Rom. Sie waren direkt dem Herrscher oder der Herrscherin unterstellt und sollten auf vielfältiger Weise ihren Herrn bei Hofe unterhalten und Freude stiften. Auch wurden Hofnarren zum Zweck von höfischen Paraden, oder als Fürstenberater, Glücksbringer, als Zeichen christl. „caritas“(Nächstenliebe) gehalten.

Zeit und Ort ihres Aufkommens in Europa sind ungeklärt, möglich wäre das sie aus dem Orient im Gefolge der Kreuzzüge eingeführt wurden.

Ein Hofnarr hatte sehr gute Lebensumstände, sie wurden versorgt und genossen die so genannte „Narrenfreiheit“. Weil er völlig außerhalb der höfischen, ja der Weltordnung stand, dadurch konnte er sich Dinge herausnehmen, die anderen bei Hofe ihren Kopf gekostet hätten. Die Hofnarren fand man auch im ritterlichen Gesinde und an Fürstenhöfen, wie schon geschrieben durfte er hier ungestraft Kritik an den Bestehenden Verhältnissen üben. Auch die Parodierung von Adeligen war den Hofnarren erlaubt.

Hofnarr Sebastian de Morra 1636

Eigentlich waren die Hofnarren nicht unbedingt zur Belustigung ihres Herrn, sondern sie sollten ihn als ernste Figur ständig daran erinnern, dass auch er in Sünde fallen könne und darin sterben werde; sie waren also eine soziale Institution zulässiger Kritik.

Hofnarren galten aber vorallem als Verbreiter höfischer Freude, sowohl für den Vertreib der Langeweile und Melancholie, zur Entschärfung von Konflikten oder Konkurrenzverhalten dabei wurden Aggressionen durch Lachen oftmals gelöst. So gehörte er zum ständigen Begleiter seines Herrn, auch bei Ausfahrten, Jagt, Feste, Sieges- und Trauerzügen.

Schon im 12. Jahrhundert wurde unterschieden zwischen „natürlichen Narren“, sie waren Geisteskranke, geistig Behinderte und Missgestaltete und den „künstlichen Narren“, die sich z.B. aus der Gruppe der Fahrenden herauslösten und bis zum 14.Jahrhundert schon die Mehrheit der Hofnarren bildeten. Sehr oft wirkten an vielen Höfen beide Narrentypen gemeinsam, sie zählten zur „familia“ des Herrschers.

Im frühen Hochmittelalter waren es meist körperlich Behinderte oder Kleinwüchsige, „Hofzwerge“, die wie Raritäten zum Teil in Käfigen gehalten wurden. Es wurde unter den Herrscherhäusern gewetteifert wer den spektakulärsten Narren in seiner Sammlung hatte.

Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit gab es immer mehr Menschen die sich einfach nur dumm stellten, oder sie verfügten wie die Fahrenden über ein besonderes künstlerisches oder humoristisches Talent. An den Höfen gab es „Narrenausbilder“ die auffällige Personen zusammensuchten und diese zu Hofnarren ausbildete.

In der frühen Neuzeit waren es nicht selten sehr intelligente und intrigante Hofnarren, die ihren Posten dem Herrscher so nahe zu sein ausnutzten. Sie machten sich nicht nur ein schönes Leben, mehrere Hofnarren im dt. Reich stehen mit Verbrechen und Verschwörung in Zusammenhang. Hier wurde die Gewalttätigkeit und teilweise Ra

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serei der behinderten Hofnarren ausgenutzt.

Um 1550 setzten sich Hofnarren immer mehr durch Einfallsreichtum, skurrile Streiche und prachtvolles Auftreten ab. In Deutschland ist dies an „Kunz von der Rosen“ oberster Hofnarr und Vertrauter Kaiser MaximiliansI. zu sehen. Dieser Hofnarrentypus hatte einen höfische Kommunikationsfähigkeit und außergewöhnliche Schlagfertigkeit und Witz, sie inszenierten Streiche und wurden ein Bindeglied zwischen Hof und Bevölkerung, Hofnarren wurden so teilweise zu richtigen Volkslieblingen und literarische Helden: Triboulet, Will Somers und Tarlton in England, Kunz von der Rosen und Claus Narr in Deutschland. Sie beeinflussten zeitgenössische Bilder, sie waren in Bühnenstücken, aber auch Vorbilder für die Volkskultur z.B. Karneval.

Jetzt treten auch „Stadtnarren“ vermehrt auf. Städte unterhielten diese Narren, die zur allgemeinen Belustigung ihre Späße treiben durften. Ihre Entlohnung bestand aus erbettelten Gaben. Der bekannteste Stadtnarr war wohl „Till Eulenspiegel“. Sie deckten schonungslos die Schwächen und Fehler einer Stadtgemeinschaft auf.

Zwischen 1580-1650 verlor der Hofnarr immer mehr an Bedeutung, langsam trat die therapeutische Funktion von Scherzen und Lachen (ars iocandi) in den Vordergrund. Nun wurden bei Leichenpredigen, die melancholische und traurige Gedanken hervorriefen, oft kleine Scherzreden gehalten, die für ihre wohltuende Wirkung sehr geschätzt wurden.

In der Renaissance wird der Hofnarr nun wirklich immer mehr zum albernen Spaßmacher und Possenreißer, über den man sich lustig macht. Langsam wurden ihr tieferer Sinn und ihre Rolle als Mahner vergessen.

Die Berichte über das Aussehen der Hofnarren im 13. und 14. Jh. sind sehr unterschiedlich, wahrscheinlich hatten sie nicht das überlieferte aussehen einer „Narrenfigur“ also Kahlkopf, Kreuztonsur, zerzauste Haare als Kennzeichen der Narrheit, meist verbunden mit einem sehr einfachen Gewand minderer Qualität sowie dem Narrenkolben. Eine Hypothese zur Erklärung der Unterschiede ist auch hier die Trennung zwischen natürlichen und künstlichen Narren. Sicher weiß man, das Hofnarren an Königshöfen schon ab dem 14. Jahrhundert reich belohnt und ausgestattet wurden (mi-parti- Kleidung, Reitpferd, Diener).

 

Literatur:

Barwig, Edgar/Schmitz,Ralf: Narren-Geisteskranke und Hofleute, in: Randgruppen spätmittelalterlichen Gesellschaft. Ein Hand- und Studienbuch, hg. Von Bernd Ulrich Hergenmöller 1984.

Bumke Joachim: Höfische Kultur

Groß Angelika:“La Folie“ spätmittelalterlicher Text und Bild, Heidelberg 1990

Lever Maurice: Zepter und Schellen, Geschichte des Hofnarren. München 1983

Mezger Werner: Hofnarr im Mittelalter, Konstanz 1981