Bestattung frühverstorbener Kinder

Die Gesellschaften, historische wie die gegenwärtige, mussten sich klar werden, wann das menschliche Leben beginnt. Sehr eindrücklich zeigte dies sich, wenn Kinder vor oder kurz nach der Geburt starben. Wie sollte man einen Leichnam eines frühverstorbenen Kindes begraben? In historischen Gesellschaften war eine große Angst, der Tod eines Neugeborenen könnte sich auf spätere Geburten auswirken. Als „Wiedergänger“ bezeichnete man damals frühverstorbene Kinder oder Frauen die im Wochenbett verstarben. Wie aufgrund einer Beichtfrage Bischofs Burchard von Worms (1025) zu schließen ist, wurden verstorbene Neugeborene heimlich begraben und gepfählt, wie verbreitet dies Methoden waren weiß man nicht genau.

In der Antike schon nahmen die früh verstorbenen Kinder den Platz am Rande des Hades ein, gleich nach dem Höllenschlund. In den römischen Begräbnispraktiken wurden Kinder die starben, bevor sie laufen konnten, im Haus begraben und nicht auf dem Friedhof, wo die Erwachsenen beigesetzt wurden.

Eine der römisch-antiken Auffassung entsprechende Ausgrenzung bildete die christliche Theologie aus. Starb ein Kind ungetauft, so war es noch mit der Erbsünde behaftet und konnte auch deshalb nicht an der Auferstehung teilhaben. Der Aufenthaltsort dieser Seelen war der „Limbus“, eine Art von Vorhölle.

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Durandus von Mende (gest.1296) schrieb in seinem „Rationale divinorum officiorum“ vor, ungetaufte Kinder außerhalb des Friedhofes zu bestatten. Archäologische Befunde zeigen jedoch dass sich die Auffassung erst spät durchsetzte. Bei Ausgrabungen von hochmittelalterlichen Friedhöfen sind Bestattungen von Neugeborenen über die ganze Fläche verteilt. Einen sehr wichtigen  Anhaltspunkt für den Umgang mit verstorbenen Kindern zeigt die Stadtkernforschung Zürich-Münsterhof von 1977/78 auf. Hier wurden in der Nordwestecke eines um 1300 aufgelassenen Friedhofs cirka ein Dutzend Bestattungen von Kleinkindern entdeckt.

Die Gräber waren nicht Geostet, weil diese wahrscheinlich ungetauften Kinder nicht der Gottesschau des jüngsten Tages entgegensehen konnten, doch wurden sie noch innerhalb des geweihten Bezirks bestattet. In einem Fall wurde in der Friedhofsmauer eine Nische ausgebrochen und das Kind auf die Grenze zwischen profanem und weltlichem Boden begraben, in der Hoffnung dass die Seele noch nicht ganz verloren sei.

Eine geringe Minderheit war der Auffassung, dass Kinder generell ohne Sünde seien, deshalb wie die Heiligen einen unmittelbaren Zugang zum Paradies fänden und dort auch eine Fürbitterrolle übernehmen könnten. Deshalb findet man bei der Chorpartie romanischer Kirchen, also an privilegierter Stelle, häufig Kinderbestattungen. Wiederum sind die Bestattungen längs der Kirchengebäude, so genannte „Traufkinder“, wohl eher wieder als Zeichen der Ambivalenz zu deuten. Die Bannung der Kinder geschieht durch das niederrieselnde Dachwasser des Kirchengebäudes so werden sie sozusagen allmählich postmortal getauft. Im protestantischen Volksglauben war dies später die allgemeine Auffassung.

Die rigorose Ausgrenzung ungetaufter Kinder war eine Folge der strengen Auslegung des Kirchenrechts der Gegenreformation.
Im Spätmittelalter bot die Kirche einige Möglichkeiten, den Tod ohne Taufe zu vermeiden.
Bei einem Notfall wurde die Laientaufe erlaubt, in ganz schlimmen Fällen sogar mit einer Spritze „ad uterus“.
Auch gab es Kirchen und Klöster die sich darauf spezialisierten schon tote Kinder zu taufen. Diese Taufen waren Kirchenrechtlich verboten, doch einigen „Auferweckungszentren“ gelang es sich auch gegen bischöfliche Anordnungen zu halten. Die kleinen Leichen wurden vor ein Heiligenbild gelegt, um sie auf wundersame Weise für den kurzen Moment der Taufe wieder zum Leben zu erwecken. Ein warmer Luftstrom, der von einem glühenden Kohlebecken aufstieg, hob ein Vogelfederchen, das man auf den Mund des Kindes gelegt hatte, in die Höhe und suggerierte so den Atem. Wahrscheinlich auch durch den Druck einiger Eltern, versuchten kirchliche Einrichtungen, so den Ausschluss der Ungetauften von der Auferstehung zu verhindern.

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Die Wallfahrt mit totgeborenen Kindern

Da gab es die Marienkapelle in Oberbüren (Kanton Bern), auf einer Hügelkuppe nicht weit  vom Städtchen Büren an der Aare liegt der Weiler Oberbüren, der im ausgehenden Mittelalter einer der bekanntesten Wallfahrtsorte der Schweiz war. Zum wundertätigen Marienbild in Oberbürens Kapelle sollen allein bis 1486 gegen 2000 totgeborene Kinder aus der näheren wie weiteren Umgebung und sogar aus dem nahen Ausland gebracht worden sein, da sie hier an dieser Gnadenstätte angeblich wieder zum Leben erweckt, danach getauft und somit christlich bestattet werden konnten. Archäologische Grabungen von 1993 erhellen anhand der im Boden noch erhaltenen Zeugnisse das damalige Geschehen rund um die Wallfahrt.

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Im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts geschahen verschiedene Wunder, darauf setzten Wallfahrten im großen Umfang ein. Ein wichtiger Auslöser war ein zum Erdränken in die Aare geworfener Kirchendieb, der aber wohlbehalten aus der Aare wieder auftauchte, in der Hand ein grüner Zweig haltend, den ihm angeblich die Mutter Gottes von Oberbüren als Zeichen der Errettung gegeben habe. Die Dankeswallfahrt des Diebes ging nach Rom, so wurde Oberbüren über die Grenzen bekannt und das Marienbild half nicht nur gegen „not vom Wasser“, sondern auch zur Wiedererweckung totgeborener oder sonst ungetauft verstorbener Kinder.

Der Bischof von Konstanz zweifelte an den Wundertaten und wandte sich mit einem Untersuchungsbericht an den Papst in Rom. Mit der Reformation kam der Untergang, ein eigens aus Bern angereister Ratsherr verbrannte das Marienbild, 1530 wurde angeordnet dass die Kapelle bis auf das Fundament abgerissen werden soll. Im Volksbewusstsein blieb es weiter eine Gnadenstätte und die Wallfahrten hielten an. Erst nach Schleifung des übrig   gebliebenen Turms kam das endgültige Ende (1532).

 

Im katholischen Dogma ist ein ungetaufter Mensch kein Christ er darf deshalb auch nicht in geweihter Erde begraben werden und er hat auch keine Aussicht auf die Erlösung am Tag der Auferstehung. Ohne Taufe bleiben Kinder mit der Erbsünde behaftet und daher vom ewigen seligen Leben ausgeschlossen. Nach Ansichten anderer großer Theologen wurden die ungetauften Kinder in der Finsternis aufbewahrt oder sie werden von Gott in der richtigen Hölle verwahrt, wo er sie aber vor dem Feuer schützen könne.

Der „Limbus puerorum“- eine Vorhölle für Kinder- wird beschrieben als Ort der Finsternis unter der Erde, aus der es für alle Zeiten keine Rückkehr mehr gibt. Auch nach der Reformation blieb der Gedanke im Volk tief verwurzelt. Nicht nur das man glaubte ein solches Kind würde nicht selig, auch dachte man es geistere als unerlöste Seele umher. Ein Ungetauftes war auch bedrohlich: Es hätte sich rächen und zum Auslöser von Seuchen z.B. der Pest werden können. Die Vorstellungen lassen die Not der geängstigten Eltern nachvollziehen und erklären, warum man alle verfügbaren Mittel ergriff um ein Kind nicht ungetauft zu bestatten.

Die „Nottaufe“ wurde bei gefährdeten Neugeboren durch das katholische Kirchenrecht erlaubt. Man konnte und sollte es sogar noch im Mutterleib taufen, wozu spezielle „Taufspritzen“ entwickelt wurden. Während der Geburt gestorbenen Müttern wurde das Kind (sofern es noch lebte) herausgeschnitten, um es zu taufen. Kam ein Kind trotzdem tot zur Welt, so gab es nur eine Möglichkeit die Wallfahrt zu einer Stätte, an der tote Kinder für kurze Zeit zum Leben erweckt wurden.

 

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In Oberbüren waren es gewisse Frauen die von weltlichen Behörden bestimmt waren, sie legten die Kinder zwischen glühende Kohlen und aufgestellten Kerzen und wärmten die kleinen Körper langsam auf. Dem Kind wurde dann eine Feder über die Lippen gelegt und wenn sich diese bewegte, erklärten „die Weiber“, dass das Kind atme, also lebe, worauf es unter Glockengeläut und Lobgesängen getauft werden konnte. Danach trat der Tod gleich wieder ein und das Kind konnte kirchlich begraben werden „zum Hohne des orthodoxen christlichen Glaubens und der kirchlichen Sacramente“, wie der Bischof von Konstanz meinte.

Zum anthropologischen Befund: Bei den ersten Grabungsetappen ist es gelungen, einen Teil derjenigen Kindergräber zu finden, die mit den Wallfahrten aktuell in Verbindung stehen. Sie lagen auf der Nordseite hinter der Kirche in einem Bereich, der vom Fußweg zur Kappelle hin nicht einsehbar war. Nach den Voruntersuchungen waren fast 60% der Kinder Neugeborene (Größe ca. 45-55cm) knapp 37% Frühgeborene (Größe unter 45cm) unter ihnen sind einige sehr kleine Föten, von denen der kleinste eine Körperlänge von nur 19cm hatte. Diese Funde belegen die Aussagen des Bischofs von Konstanz, der klagte, man brächte sogar Kinder nach Oberbüren, die nicht einmal ausgeformte Glieder hätten. Sie belegen aber auch die Sorgen und den persönlichen Einsatz der Eltern, aber auch den bedingungslosen und tiefen Glauben an die durch ihre Sakramente Alleinseligmachende Kirche.

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Der Bestattungsplatz zeigte auch die finanzielle Lage der Eltern oder Angehörigen. Ein Teil der Kinder wurde in sorgfältig nebeneinander gereihten Erdgruben bestattet, nicht selten zwei oder drei zum gleichen Zeitpunkt. Es gab auch größere Bestattungsgruben, in denen mehrere Kinder gleichzeitig und gemeinsam über- und neben einander gelegt wurden, möglicherweise Sammelbestattungen bei großem Andrang von Wallfahrern.

Auffällig ist das die Kinder sehr sorgsam begraben und nach christlichem Brauch geostet waren. Eine Grabgrube ist zu erwähnen, in der ungeordnet kleine Knöchelchen von mindestens 50 Säuglingen lagen. Es könnten Umbestattungen sein, durch Zerstörungen älterer Gräber bei Bauarbeiten.

Die archäologischen und anthropologischen Untersuchungen des Wallfahrtortes zeugen schon heute von der dunklen wie der hellen Seite des Mittelalters. Sie belegen die Wallfahrt als begrüßenswerte Einnahmequelle vor allem bei der Obrigkeit, andererseits die echte Erleichterung der Pilger, die den Gnadenort in der vermeintlichen Gewissheit verließen, das ihre zu früh verstorbenen Kindlein nicht mehr für Unheil verantwortlich gemacht werden können.

** Die Wallfahrt mit totgeborenen Kindern hielt in katholischen Gebieten bis ins 18.Jahrhundert. Zwischen 1781- 1785 wurden in Schruns pro Jahr noch 45 totgeborene Kinder wieder belebt und getauft (Frick 1981 S.142) In reformierten Gebieten widerspiegeln die so genannten „Traufkinder“ eine Fortsetzung des Brauchs, an Ungetauften durch das von Kirchendach rinnende Regenwasser nachträglich die Taufe zu vollziehen.

** Andere Wallfahrtsorte: Chatillens im Waadtland, Neunenburg, die Kathedrale von Lausanne und die Kapelle der Augustiner Notre- Dame-de-Grace in Genf.

** Heute ist ein totgeborenes Kind unter 30cm Körperlänge nach Zivilgesetzbuch (Art.46) nicht einmal meldepflichtig.

Quellen:
Begräbnis, Verdammung, und Erlösung. Das Fegefeuer im Spiegel von Bestattungsriten, von Martin Illi. In: Himmel, Hölle, Fegefeuer.
Das Jenseits im Mittelalter, Verlag Neue Züricher Zeitung, schweizerisches Landesmuseum, Katalog von Peter Jetzler 1994.
Jenseitswelten, Wallfahrten mit totgeborenen Kindern: Susi Ulrich-Bochsler, Daniel Gutscher