Das Hexensalbenrezept des Johannes Hartlieb

Johannes Hartlieb war der erste Arzt, der ein Rezept für eine Zubereitung, die später meist als „Hexensalbe“ genannt wurde,  aufgeschrieben hat:

Hexensalbe

„Sie wird aus sieben Kräutern hergestellt. Dabei wird jedes einzelne Kraut genau an dem Tag gepflückt, der ihm zugeordnet ist. So ergaben sich am Sonntag „Solsequium“(der Sonne folgend, Löwenzahn, Ringelblume, Wegwarte, Johanniskraut), am Montag „Lunaha“(Mond, Stumpfes Silberblatt, Spitzes Silberblatt, Königsfarn, Mondraute), Dienstag „Verbena“(Eisenkraut), Mittwoch „Mercurialis“(Merkurs, Schutt- Bingelkraut, Wald- Bingelkraut), Donnerstag „Barba Jovis(Bart Jupiters, Donnerkraut, Dachhauswurz, große Fetthenne), am Freitag „Capillus Veneris(Venushaar, Frauenhaar- Farnarten). Daraus stellen sie dann unter Beimischung von Vogelblut und Tierschmalz Salben her. Wenn ihnen dann danach ist, bestreichen sie Bänke oder Stühle, Rechen oder Ofengabeln und fahren darauf von hinnen. Das ist nichts anderes als Nigromantie…“

Dieses Rezept ist pharmaziegeschichtlich hochinteressant, da es als die einzige erhaltene Rezeptur des ausgehenden Mittelalters gelten kann. Zudem unterscheidet sie sich eklatant von allen späteren Rezepten der frühen Neuzeit. Hartliebs Rezept folgt alchemistischen und kabbalistischen Anschauungen, spätere Rezepte orientieren sich an den pharmakologischen Wirkungen der Pflanzendrogen.

Die den Wochentagen (und Planetengöttern), nur der Samstag (der Tag des Saturn) fehlt – zugeordnete Kräuter lassen sich nicht eindeutig botanisch identifizieren, die im ausgehenden Mittelalter und der frühen Neuzeit mit den gleichen Namen benannt wurden.

Nur das Eisenkraut hat Hartlieb in seinem Kräuterbuch intensiv erwähnt (Kräuterbuch S.105).

Das Eisenkraut hat seinen Namen nicht nur von dem Metall Eisen- wie meist angenommen, sondern auch von der ägyptischen Göttin Isis (= Frau Eysen), der Herrin der Zauberkräuter und – Zauberkunst.

eisenkraut

Eisenkraut

Alle Rezepturen der Hexensalbe aus der frühen Neuzeit beinhalten durchgehend als wesendliche Bestandteile psychoaktive Substanzen: Schlafmohn/Opium, Nachtschatten/Tollkirsche, Alraune, Bilsenkraut, Stechapfel, Lattich, Taumelolch, Sturm- und Eisenkraut, Schierling, Hanf, Steppenraute, Seerosen. Viele dieser Pflanzen waren auch Johannes Hartlieb bekannt auch diese werden in seinem Kräuterbuch genannt und beschrieben. Die meisten dieser Pflanzen sind in astrologischer Hinsicht „Pflanzen des Saturns“ also Kräuter die am Samstag gesammelt werden. Vielleicht wollte Hartlieb die wahre Rezeptur, nämlich eine Mischung aus saturnischen Pflanzen verheimlichen?

Eine dieser saturnischen Zauberpflanzen hat jedoch Eingang in das Buch der verbotenen Künste gefunden: die Alraune, die Hartlieb unter ihrem im Odenwald gebräuchlichen Namen „Atzman“ beschreibt (Buch aller verbotenen Künste, Kapitel 79/79a). Immerhin ist die Alraune, die „Menschenwurzel“, seit der Antike Bestandteil vieler Riten, die von Hartlieb als „verbotene Künste“ angesehen werden: Orakelwesen, Totenbeschwörung, Flugsalben, Dienstbarmachung von Hilfsgeistern, Liebeszauber und Aphrodisiaka, magische Räucherungen usw.

Alraune

Der deutsche Name Alraune leitet sich von Alruna, „die Alles weiߓ, dem Namen für die südgermanischen Seherinnen und weisen Frauen, ab. So wie diese ehemals heiligen Frauen und Schamaninnen später als „Hexen“ verfolgt und ermordet wurden, so wurde die Alraune, ihre psychoaktive Orakelpflanze, dämonisiert. Mit der Christianisierung Germaniens wurde die Mandragora (als alte heidnische Ritualpflanze) zuerst von Hildegrad von Bingen (1093- 1179) verteufelt.

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Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren das Hartlieb die echten Zaubermittel, also psychoaktiv stark wirksame Pharmaka, vertuschen wollte, weil er sie, genau wie Hildegard, für zu gefährlich hielt? Oder wusste er einfach nicht mehr?

„Nigromantie“ ist eine Wortneubildung des Mittelalters, die auf den Erzbischof von Sevilla, Isidor(um 560-636), zurückgeht und sich an dem Wort „Nekromantie“(= Wahrsagung der Toten oder Wahrsagung durch die Toten, Totenbeschwörung) angelehnt.

Literatur:

Bernhard Haage: Dichter, Drogen und Hexen im Hoch- und Spätmittelalter, Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 4. 1984

Hermann de Vries: Über die so genannten Hexensalben, Integration 1, 1991

Will-Erich Peuckert: Hexensalben, Medizinischer Monatsspiegel 8, 1960

Hans Bidermann: Hexen- Auf den Spuren eines Phänomens. Graz 1974

Christian Rätsch: Heilkräuter der Antike, München 1995 und Hexenmedizin- Das Vermächtnis der Hekate, In: C. Müller- Eberling et al, Aarau 1998

Max Höfler: Volksmedizin und Aberglaube in Oberbayerns Gegenwart und Vergangenheit. Vaduz/Lichtenstein, 1994

Fritz Graf: Gottesnähe und Schadenzauber, München 1996

Das Buch aller verbotenen Künste, erscheint in zwei Übersetzungen hrsg. übers. u. kommentiert von Falk Eisermann u. Eckhard Graf, Ahlerstedt.

Auch von Frank Führbeth, Frankfurt/M.

Johannes Hartlieb: Das Buch der verbotenen Künste, Aberglaube und Zauberei des Mittelalters, München 1998