“Totentanz“  Memento mori

„Sagt ja, sagt nein, getanzt muess sein” unter diesem Motto folgen im Füssener Totentanz zwanzig Stände, angeführt vom Papst und Kaiser, dem Tod, der auch vor dem Kleinkind und dem Maler selbst nicht Halt macht. Das Motiv des Tanzes drückt die Ambivalenz zwischen Lebenslust und Todesangst aus und beschreibt die Gradwanderung des Lebens.

In mittelalterlichen Sagen begegnen einzelne Menschen bei Nacht fröhlichen Verstorbenen, die gemeinsam schmausen, musizieren, singen und tanzen. Man stellte sich das Jenseits zunächst einmal als angenehme Fortsetzung des Lebens im Diesseits vor und sorgte dafür, dass es den Angehörigen in der Ewigkeit an nichts fehlte. An bestimmten Terminen suchten Männer und Frauen die Gräber ihrer Familien auf, feierten das Andenken der Toten und versicherten sich ihres Wohlwollens durch Zeremonien und rituelle Gaben.

Es ist nicht zu verwundern, dass die Idee des Todes auf die Phantasie des Mittelalters einen größeren Einfluss ausgeübt zu haben scheint als auf irgendein anderes Zeitalter.

Selbst der sangesfrohen Walther von der Vogelweide und dem ritterlich gesinnten Konrad von Würzburg erschien Frau Welt als eine unheilvolle Verführerin, deren Antlitz liebreizend und verlockend ist, an deren Rücken aber grauenhaftes Gewürm, Schlangen, Kröten und Nattern drohen. Weit verbreitet in ganz Europa war im 13.und 14. Jh. die Erzählung von den drei Toten und den drei Lebenden: wie auf die Jagd drei edle Jünglinge im Walde auf drei halbverweste Leichname stoßen und von ihnen traurige Lehre über die Nichtigkeit des Daseins und die Allmacht des Todes empfangen.

Wann der Tod in der mittelalterlichen Kunst anfing zu tanzen, ist nicht mehr festzustellen. Zahllose Totentanz-Bilder, vor allem, wenn sie auf Außenmauern von Friedhöfen und Kirchen gemalt waren, sind unwiederbringlich verloren, von manchen blieben noch Zeichnungen erhalten. Für das Motiv des Totentanzes spielte möglicherweise ein alter Volksglaube, nachts würden die Seelen der Toten auf den Friedhöfen tanzen, eine Rolle. Verbreitet war in der christlichen Welt die aus der Antike übernommene Vorstellung des Totengeleits, zu dem auch schon Musik gehörte. Sie ist ein wichtiges Element der klassischen Totentänze , die vom Tod als Spielmann angeführt werden. Er wirbt um die Lebenden und verführt sie zum Tanz mit den Toten. Auf manchen Totentanz-Bildern spielen alle Totengestalten ein anderes Instrument- und tanzen noch dazu. Dass auch zum Lebensende die Musik aufspielt, nahm dem Tod den größten Schrecken, wie überhaupt nach Meinung der Kunsthistoriker im Mittelalter der Tod im Bewusstsein der Menschen so normal war, dass man sich sogar über ihn lustig machen konnte.

Den Totenschädel auf dem Gerippe aus Haut und Knochen schmückt hier ein roter Kardinalshut, dort ein Jungfernkranz, eine Narrenkappe, ein Nonnenschleier. Groteskes Beiwerk, das übrig bleibt, wenn dieser Tanz vorbei ist. Der hat in strenger Rangfolge, immer die gleiche Besetzung: von Papst und Kaiser über die ganze feine Gesellschaft des Mittelalters bis zum Bauern und Bettler. In der Begegnung mit dem großen Gleichmacher haben sie eins gemein: Ihnen ist nicht nach Tanzen. Viele heben abwehrend die Hand. Da muss beim Lübecker Totentanz der Tod den staubigen Papst am Mantel zerren, dem König geht es sogar an den Kragen. Da hilft es nichts, wenn im weltberühmten Basler Totentanz der Wucherer dem Tod ein Bestechungsgeld überreicht- der bleibt ungerührt auch von dem Blinden, dem er erst den Stock nimmt und ihm dann die Hundeleine kappt.

Erst am Ausgang des Mittelalters werden die Totengestalten im „makabren Tanz“ wie der Totentanz in Frankreich heißt, zum Tod schlechthin- dargestellt nun als „Knochenmann“, als lautloses Skelett, das keine individuellen Züge mehr trägt. Die Plötzlichkeit eines gnadenlosen Todes, nicht seine Normalität wird dargestellt, sondern das klagen der Stände, die ihren Abschied aus diesem Leben bejammern.

Die Quellen für die Totentanzdarstellungen liegen im schriftlichen Bereich: Im 13.Jh.klagten die einzelnen Stände ihren bevorstehenden Tod in sogenannten Vergänglichkeitsgedichten (Vado mori) an. .Im gleichen Jahrhundert wird in der französischen Literatur die Legende von der Begegnung der drei Edelmänner mit den drei Toten publiziert ( bildliche Umsetzung im Campo Santo von Pisa und auf dem Pariser Friedhof „Les Innocentis“)

Der schwarze Tod, dem 1347- 1350 rund ein Drittel der Bevölkerung Europas zum Opfer fiel, kann als endgültiger Auslöser für die Entstehung der Totentänze gesehen werden- die Wechselwirkung von Totentanzdarstellungen und Seuchen blieb nachweislich bis ins 17. Jh. bestehen.

Darstellungen tanzender Skelette und Tänze für oder gegen die Toten gibt es nicht nur im europäischen Raum, sondern auf der ganzen Welt, zB.im Himalaja oder in Lateinamerika. ..Fürsorge und Abwehrriten bestimmen deshalb das Bild der Lebenden vom Tod. Sie sind Grundlage der makaberen Kunst. Der Totentanz ist ein Stück Kulturgeschichte.

Die bildliche Darstellung eines Totentanzes ist stets mit Versen die über oder unter die jeweiligen Abbildungen geschrieben sind verbunden. Die Sprache der Verse ist leicht verständlich, volkstümlich und aus diesem Grund oft besonders eindrucksvoll

Erst spät auch bedienten sich Mönche und Kanzelredner der Totentanzbilder .“Memento mori – gedenke des Todes“ warnten sie und empfahlen die Verachtung der vergänglichen Welt um des Himmelreichs willen..

Der Predigerorden der Dominikaner ( gegründet 1220-30 ) wurde wahrscheinlich zum ersten Auftraggeber für einen Totentanz ( Lateinischer Bilderbogen 1350 ). Die bald darauf entstandenen monumentalen Totentanz- Wandzyklen, die für jedermann zugänglich und vor allem verständlich waren, stellten demnach die bildliche Umsetzung von Bußpredigten dar- ein Massenmedium war entstanden.

Noch viel könnte man Erzählen , aber eine, bisschen obskure Geschichte gibt’s da noch: In Italien entstand damals z. B. die Tarantella, ein wilder Tanz, dessen Extasse angeblich durch den Stich einer Tarantel hervorgerufen wurde, doch eher auf die Tanzwut zurückzuführen ist. Was hat das mit Totentanz zu tun? Einige Berichte beschreiben Situationen, in denen sich die Menschen  im wörtlichen Sinn zu Tode getanzt haben.

So noch ein paar Bildquellen: Konrad Witz 1440 erinnert im Großbasler Totentanz an die Pestzeit von 5.4.- 11.11. 1439, die Lübecker Bildfolge von Bernt Notke warnte 1463 vor der drohenden Pestwelle, Totentanzzyklus der Berliner Marienkirche, in Luzern Totentanzdarstellungen an der Spreuerbrücke von Kaspar Meglinger ( 1626-35 )

Jakob Hiebeler bekam den Auftrag für den Füssener Totentanz 1602, um ihn für die Annakapelle von St. Mang zu malen. Der Füssener Totentanz ist wohl der älteste erhaltene Totentanz in Bayern er gehört heute zu den bedeutenden Monumental- Totentänzen Europas.

Nochmals Füssen, Friedhofskapelle St. Sebastian, Wandmalerei in Stuckumrandung.1724..

Lebendiger als in den Totentänzen ist der Tod nie dargestellt worden. Das Gründungsmitglied  der Totentanzvereinigug Karl Josef Steininger hat eine interessante Erfahrung gemacht:“ Leute, die sich intensiv mit dem Tod beschäftigen, sind heitere Menschen.“

In diesem Sinne, seid heiter!  Eure Rowane.

  • Literraturnachweise:
  • Uli Wunderlich „Der Tanz in den Tod“
  • „Europäische Totentanz- Vereinigung“
  • Kaiser Gerd „Der tanzende Tod, Mittelalterliche Totentänze“
  • Erwin Koller „Totentanz“
  • Harry Kühnel „Alltag im Spätmittelalter“
  • Karl Stüber „Sterben im Mittelalter“
  • Literatur im Internet:
    Der Tod und sein Bild im 16. Jahrhundert